Seit ich KI-Tools in meinen Arbeitsalltag integriert habe, hat sich vieles verändert. Dank Claude Code automatisiere ich Videobearbeitung, lasse unseren Firmenblog direkt in WordPress durch einen Agenten übersetzen und baue Werkzeuge, für die ich früher externe Dienstleister gebraucht hätte. Nicht nur einfache Dinge, auch komplexere Prozesse, die vorher Wochen gedauert haben oder an denen mehrere Leute saßen. Texte, Konzepte, E-Mails, Programme, in der Summe hat sich meine Produktivität mindestens verdoppelt. Gleichzeitig mache ich Dinge, die vorher schlicht nicht drin waren, zumindest nicht ohne technische Hilfe.
Was in den letzten Wochen passiert ist, hat nochmal eine ganz andere Qualität. Seit Claude Code mit Opus 4.5/4.6 arbeitet und OpenAI mit Codex und ChatGPT 5.3/5.4 nachgezogen hat, hat die agentische Programmierung einen Sprung gemacht, den ich so nicht erwartet hatte. Die Modelle scheinen gezielt darauf trainiert worden zu sein, auch komplexeste Aufgaben mit aller Kraft zu Ende zu bringen, effizient und eigenständig. Ich werde täglich überrascht, was Claude Code sich im Hintergrund selbst baut, um schneller ans Ziel zu kommen oder Hindernisse zu umgehen.
Das hat mich endgültig überzeugt, dass wir vor einem Umbruch stehen, der größer ist als die meisten ahnen. Es war vorher schon spürbar. Aber jetzt ist es so sichtbar, dass man sich fragt, warum der Rest der Welt noch nicht bemerkt hat, was da auf sie zurollt. Über das, was das für die gesamte Arbeitswelt bedeutet, wird jedenfalls noch erstaunlich wenig gesprochen.
Die Mathematik, die niemand ausspricht
Wenn jemand doppelt so produktiv ist und zusätzlich Aufgaben übernimmt, die zuvor auf andere Schultern verteilt waren, braucht ein Unternehmen irgendwann weniger Schultern. Nicht morgen, und im Mittelstand wahrscheinlich nicht durch große Entlassungswellen. Sondern schleichend: eine Stelle, die nicht nachbesetzt wird. Ein Freelance-Auftrag, der wegfällt. Ein Team, das beim nächsten Projekt kleiner ausfällt.
Für aichholzer.me/jobs habe ich die Berufe der derzeit 4,4 Millionen Beschäftigten in Österreich analysiert. Rund 43,6%, das sind 1,9 Millionen Beschäftigte, arbeiten in einem Beruf, in welchem ein hoher Grad (Stufe 7-10 von 10) an Automatisierung durch KI ermöglicht.
Wichtig: Es geht nicht darum, dass all diese Menschen und/oder ihre Jobs komplett ersetzt werden. Es geht darum, dass große Teile ihrer täglichen Aufgaben durch KI automatisierbar sind. Genau das erlebe ich an mir selbst, und genau das macht die Veränderung so schwer sichtbar: Niemand wird von heute auf morgen überflüssig. Aber Stück für Stück braucht es weniger Leute für die gleiche Arbeit.
Warum das Schweigen System hat
Das Schweigen zieht sich durch alle Ebenen. Mitarbeiter*innen schweigen derzeit, weil Transparenz entweder mehr Arbeit oder weniger Kolleg*innen bedeutet. Laut einer Ivanti-Studie mit über 6.000 Befragten verschweigen 32 Prozent ihre KI-bedingten Produktivitätsgewinne, 36 Prozent betrachten sie als geheimen Vorteil. Das wird nicht ewig so bleiben. Sobald Unternehmen diese Effizienz systematisch erkennen, wird aus dem stillen Produktivitätsgewinn eine offizielle Erwartung.
Unternehmen schweigen aus ähnlichen Gründen, nur teurer. Als Anthropic Anfang 2026 Claude Cowork lancierte, einen KI-Agenten, der Dateien lesen, analysieren und erstellen kann und sich per Plugins in bestehende Unternehmenssoftware einklinkt, verloren die größten SaaS-Unternehmen an einem einzigen Tag rund 285 Milliarden Dollar an Börsenwert. Thomson Reuters stürzte 18 Prozent ab. Wer laut ausspricht, dass KI ganze Berufsfelder ersetzen kann, wird vom Markt bestraft.
Und die Politik hat schlicht keine populären Antworten.
Der Trost der neuen Jobs
Das Standardargument gegen die Sorgen vor der KI-Zukunft kenne ich sehr gut: Jede technologische Umwälzung hat neue Berufe geschaffen. Stimmt historisch schon, unterschlägt aber zwei Dinge: Während der Industriellen Revolution stagnierten die Reallöhne jahrzehntelang, bevor neue Industrien die Verluste kompensierten, und die Veränderungen betrafen vor allem körperliche Arbeit. KI betrifft weitaus mehr Menschen und entwickelt sich rasanter als alles zuvor.
Eine Brookings-Analyse historischer US-Umschulungsprogramme zeigt: Sie brachten keine statistisch signifikante Verbesserung bei Beschäftigung oder Einkommen. Es werden nicht alle zu KI-Spezialist*innen, und erst recht nicht alle zu Krankenpfleger*innen. Das sagt nur niemand gern.
Als Optimist bin ich überzeugt, dass wir auf ein wunderbares Ziel zusteuern, vielleicht eine Welt, in der die Menschen nicht mehr Vollzeit arbeiten müssen und mehr Zeit für sich selbst haben. Die Frage ist nur, wie lange der Weg dahin dauert und wie holprig er wird.
Wer heute gewinnt, und wo das aufhört
Seien wir ehrlich: Wer heute KI produktiv nutzt, gehört zu den Gewinner*innen. Weniger Stress, mehr Output. Die Führungsebene hat oft noch gar nicht verstanden, was sich verändert hat. In meinen Workshops erlebe ich beides. Die Begeisterung derer, die plötzlich Dinge können, die vorher unmöglich schienen. Und die stille Angst derer, die ahnen, was das für Teamgrößen bedeutet.
„Cancer is cured, the economy grows at 10% a year, the budget is balanced — and 20% of people don’t have jobs.“
Das sagte Dario Amodei, CEO von Anthropic, in einem Axios-Interview – die Gesamtbilanz kann also positiv sein, und trotzdem stehen Millionen Menschen ohne Beschäftigung da.
Was also tun?
Wir wissen es noch nicht genau. Aber es gibt Ansätze jenseits des reflexhaften „Umschulung!“. Die Vier-Tage-Woche funktioniert in über zehn Ländern, mit stabiler Produktivität bei weniger Stress. Sam Altmans UBI-Studie mit 3.000 Teilnehmenden ergab, dass Menschen mit 1.000 Dollar Grundeinkommen im Monat fast genauso häufig arbeiteten wie ohne; sie wählten ihre Jobs nur bewusster. In der Schweiz prüft der Bundesrat bis Ende 2026, ob KI eine grundlegende Änderung des Steuersystems erfordert.
Was wir vor allem brauchen, ist Ehrlichkeit. Die Zahlen sind unbequem. Aber sie werden nicht besser davon, dass wir so tun, als gäbe es sie nicht.
